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Hyundai Ioniq 6 im Test: Es muss nicht immer ein SUV sein

Wolfgang PlankbyWolfgang Plank
11. März 2023
Lesedauer: 6 Minuten
Wolfgang PlankbyWolfgang Plank
11. März 2023
Lesedauer: 6 Minuten

© Abbildung(en): Wolfgang Plank

Home Elektroauto News 2023

Beim Elektroauto hat sich ein Trend verfestigt. Stromer sind gerne groß, immer schwer – und oft genug hat man ihnen die Federbeine langgezogen. Hyundai macht es nun erfreulich anders und wagt sich mit dem Ioniq 6 an ein traditionelles Kompaktmodell. Bogig geduckt und messerscharf gezeichnet, ein extravaganter Mix aus Limousine und Coupé. So einen Auftritt trauen sie sich ansonsten nur im Zeichen des Sterns – was viel sagt über das neue Selbstbewusstsein bei Hyundai.

Gerechtfertigt ist es allemal. Denn während die E-Autos dieser Welt noch mit 400-Volt-Technik unterwegs sind, haben die Koreaner längst verdoppelt. Das ist im Markt der Masse schon eine Ansage. Über 800 Volt verfügen sonst nur Porsche Taycan und Audi RS e-tron GT. Die aber sind locker zwei- bis viermal so teuer. Ein Argument, das zieht. Hinter Tesla und VW ist Hyundai in Deutschland mit 7,1 Prozent Marktanteil mittlerweile die drittstärkste E-Auto-Marke.

Der Grund ist ein simpler: Längst wollen sie bei Hyundai mit ihren Autos ins Herz treffen. Und das schlägt bei E-Autos nun mal für große Reichweiten und mehr noch für kurze Ladezeiten. Wenn man in fünf Minuten Strom für mehr als 100 Kilometer in die Zellen pressen kann, schwindet die Bedeutung anderer Faktoren. Zugegeben: Nötig dafür ist eine ordentliche Schnellladesäule – aber dennoch gehen da selbst notorischen Radius-Nörglern langsam die Argumente aus.

Parallel zur Technik nähert sich Hyundai der E-Mobilität auch über das Design. So duckt sich der Ioniq 6 gegenüber dem wesensgleichen Ioniq 5 elf Zentimeter tiefer, zieht sich dafür aber achtern um gut 20 Zentimeter länger auf 4,85 Meter – und zum Glück auch wuchtig in die Breite. Ein echter Coupé-Coup. Der Effekt: Die vorbeiwirbelnde Luft hat am langen Heck, dessen oberer Spoiler ein wenig an den 911 erinnert, einfach viel mehr Zeit, sich zu beruhigen. So bringt es der „Streamliner“ genannte Ioniq 6 dank verkleidetem Unterboden und variabler Lüftungsklappen auf einen cw-Wert von 0,21 und landet damit unmittelbar hinter dem Aerodynamik-Primus Mercedes EQS (0,20). Kollateralnutzen für Konservative: Statt Heckklappe wie beim Ioniq 5 gibt es echte Limousinen-Tradition: feste Scheibe samt klassischem Deckel über dem 401 Liter fassenden Kofferraum. Platz für das Ladekabel bietet ein „Frunk“ unter der Fronthaube.

Ein kleines Opfer indes fordert der gestalterische Mut. Bei 2,95 Metern Radstand sitzt man zwar trotz des kühnen Abschwungs auch in zweiter Reihe noch sehr ordentlich, ein bisschen Demut vor dem Design erfordert der Einstieg indes schon. Allerdings haben die Entwickler trotz des Spannungsbogens den Sinn fürs Praktische bewahrt. So folgt die Form der Funktion und mündet in eine akzeptabel tiefe Ladekante.

Zum Schwung im Dach gehört selbstverständlich auch der unter der Haube. Zur Wahl stehen Akkus von 53 und 77,4 kWh, Heck- und Allradantrieb – sowie in der Folge ein Spektrum zwischen 111 und 239 kW Leistung bei Reichweiten von 429 bis 614 Kilometern (WLTP). Tempo 100 liegen bei Allrad und großem Akku nach 5,1 Sekunden an, bei Heckantrieb mit kleiner Batterie vergehen aber auch bloß 8,8 Sekunden. Rauf geht’s hier wie dort bis Tempo 185.

Das Fahrwerk ist bestens austariert, ohne gleich den Komfort zu schmälern, die Lenkung indes könnte ein wenig mehr Rückmeldung vertragen. Wer es kommod schätzt, der kleinen Hatz zwischendurch aber nicht abgeneigt ist, dem sei der Heckantrieb samt großem Akku empfohlen. Dem fehlt zwar der harte Punch des Allradlers, allerdings kontert er im Geschlängel mit geringerem Gewicht und agilerem Handling. Wer allerdings allzu flott in enge Ecken strebt, muss trotz modernster Technik erfahren, dass Masse nun mal den Weg Richtung Tangente nimmt. Immerhin sind zwei Tonnen und mehr von den bis zu 20 Zoll (etwa 51 cm) großen Rädern in der Bahn zu halten.

Platz vorne hat es reichlich. Man thront auf gut konturierten Sitzen und kann sich auf Wunsch – etwa bei der Ladepause – samt ausklappbarer Beinauflage gepflegt flachlegen. Apropos Sitze: Wen selbst bei ökologisch behandeltem Leder das Gewissen plagt – zur Wahl stehen auch Stoffe aus PET-Flaschen und für den Boden Recycling-Garne aus alten Fischernetzen.

Das Cockpit bilden zwei 12-Zoll-Displays im Breitwand-Format. Links die Instrumente, rechts das Infotainment. Ausladender war in dieser Klasse selten ein Kommandostand. Pfiffig: Wer zwischen den Fahrmodi Eco, Normal und Sport wechselt, kann die zugehörige Reichweite gleich groß mit der Tempo-Anzeige ablesen. Schade nur, dass man mit Ziffern leben muss – eine Zeiger-Grafik ist nicht programmiert.

Rückblickend betrachtet wird’s ein wenig eng. Die extrem geneigte Heckscheibe verengt die Welt zum Schlitz. Da weiß man, warum die Rückfahrkamera Serie ist. Optional gibt’s Linsenblick auch für die Außenspiegel. Allerdings passen die in ihrer auffallend kantigen Form deutlich besser zum Ioniq 5 – und der ungewohnte Blick auf die Bildschirme am Fensterdreieck ist auch nicht jedermanns Sache.

Nicht mal mehr lenken und bremsen müsste man, weil Hyundais Jüngster auf Wunsch rundum Obacht gibt, automatisch in der Spur bleibt, das richtige Tempo hält, gebührend Abstand wahrt, vor Sekundenschlaf warnt und – wenn sonst nichts mehr hilft: den Anker wirft. Der Clou der Assistenz ist das optionale Head-up-Display, das schwirrende Pfeile vors Auge wirft. Für ein Auto dieser Klasse ist das großes Kino. Gut gelöst: Beim „i-Pedal-Driving“ verzögert der Wagen tatsächlich bis zum Stillstand. Wäre doch schade um jedes Watt, das nicht rekuperiert wird.

Eher ungewöhnlich für ein E-Auto: Hinten dürfen stolze 1,5 Tonnen an den Haken. Einzige Voraussetzung ist die große Batterie. Mit kleinem Akku bleibt’s bei 750 Kilo – auch gebremst. Selbstverständlich gilt Buch eins der Batterie-Bibel: Dynamik kostet Distanz. Und Gewicht eben auch. Doch damit man in Sachen Radius keine böse Überraschung erlebt, rechnet der Ioniq 6 auch bei Anhänger-Betrieb die Restreichweite hoch.

So oder so jedoch geht dem Akku irgendwann der Saft aus. An einer Gleichstrom-Säule lädt der Ioniq 6 mit bis zu 240 kW und kommt von 10 auf 80 Prozent in weniger als 20 Minuten. Anders gesagt: In einer Viertelstunde lässt sich Saft für 350 Kilometer ziehen. Sehr viel länger dauert ein Sprit-Stopp samt Kaffee auch nicht wirklich. An der Wallbox mit maximal 11 kW vergehen indes gute sieben Stunden, was egal sein kann, lädt man über Nacht. Hübsches Detail: Mit bis zu 3,6 kW lädt der Ioniq 6 auch andere elektrische Geräte – ideal für die Stromversorgung beim Camping oder bei einem Blackout. Eine Steckdose für außen findet sich in der Ladeklappe, eine für innen unterhalb der Rückbank.

Das alles gibt es natürlich nicht zum Schnäppchenpreis. Das Basis-Modell mit kleiner Batterie und 111 kW starkem Heckantrieb startet bei 43.900 Euro. Für den großen Stromspeicher und 168 kW muss man 54.000 Euro aufwärts anlegen, und für Allradantrieb und 239 kW Leistung ruft Hyundai mindestens 61.100 Euro auf. Das ist dann zwar jede Menge Auto – aber eben auch viel Geld. Selbst nach Abzug der Förderung.

Womöglich lohnt aber auch ein klein wenig Geduld. Ein Shooting Brake ähnlich dem Konzernbruder Kia ProCeed ist zwar vorerst ein Gerücht – fürs Jahresende beschlossen indes ist bereits ein N-Modell – vermutlich mit der Ballermann-Technik des Kia EV6 GT. Quasi die Verschmelzung von Kraft und Form. Und noch mal einen guten Batzen teurer. Allerdings: Wer technisch gleichauf mit Porsche liegen will, darf nun mal keine Krämerseele sein.

Wolfgang Plank

Wolfgang Plank

Wolfgang Plank ist freier Journalist und hat ein Faible für Autos, Politik und Motorsport. Tauscht deshalb den Platz am Schreibtisch gerne mal mit dem Schalensitz im Rallyeauto.

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25 Comments
Celsi
Celsi
3 Jahre zuvor

Von vorne gefällt er mir auch gut und ich halte ihm zugute, dass er kein SUV ist. Auch die Ähnlichkeit zu Porsche kann ich erkennen, vielleicht finde ich ihn gerade deswegen von vorne gut.
Aber dieser… ich finde leider kein besseres/zutreffenderes Wort „Hängearsch“ mit dem Doppelbürzel zerstört in meinen Augen das ganze Design wieder. Wobei es in schwarz weniger schlimm aussieht als in hellerer Farbe, denn schwarz „tarnt“ einige der Detail, zumindest auf Fotos.

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Tomas Angelus
Tomas Angelus
3 Jahre zuvor

Das Auto ist so hässlich. Eine Mischung aus ätzend und langweilig. Es sieht völlig veraltet aus und das obwohl es in 2023 erscheint.
Lachhafte Displays und eine Kofferraumöffnung, wie man sie unpraktischer nicht bauen kann.

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Thomas_aus_Marl
Thomas_aus_Marl
3 Jahre zuvor

Ein schönes Auto! Allerdings finde ich, dass die kleine Kofferraumklappe ein großer Rückschritt ist.

Vom Verbrauch her liegt er, was man so aus der Presse liest, trotz besserer Aerodynamik über den Verbrauchswerten seines Vorgängers, was sicher auch der höheren Leistung geschuldet ist, die die wenigsten im Alltagsverkehr wirklich brauchen dürften.

Womit ich zum größten Nachteil komme. Ich fahre den alten Ioniq Facelift. Mit Vollausstattung hat der gerade einmal 42k€ gekostet, wovon noch E-Autobonus und Händlerrabatt abging. Dafür bekommt man jetzt noch nicht einmal das Einstiegsmodell mit schlechterer Ausstattung und kleiner Batterie.

Die Preispolitik von Hyundai ist schlichtweg indiskutabel, wie bei anderen Herstellern übrigens auch.

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brainDotExe
brainDotExe
3 Jahre zuvor

Design ist bekanntlich Geschmackssache.
Für mich sieht er von vorne in Ordnung aus, von hinten geht er gar nicht.

Das eigentliche Problem ist aber die Höhe. Er ist ca. 1,50m hoch, der Vorgänger war gute 5cm niedriger und das war für meinen Geschmack schon etwas hoch.

Wo bleiben die flachen Limousinen (< 1,40m)?

Zuletzt bearbeitet am 3 Jahre zuvor von brainDotExe
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Martin
Martin
3 Jahre zuvor

Ein sehr gelungenes Konzept.Ich selbst bin großer Sportwagenfan sowie Fahrer und das Desing ist klasse.
Jetzt noch als Motorisierungsausweitung einen ordentlichen Verbrenner mitanbieten.

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Züche
Züche
3 Jahre zuvor

Man darf nicht vergessen das der Ioniq 6 nicht von Greenpeace gebaut wird sondern von einem gewinnorientierten Konzern. Das ist nun einmal die Realität.Auf einen guten cw-Wert hin optimierter PKW war noch nie hübsch. Design ist schon immer Geschmackssache und oft polarisierend.

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Andreas Ebnat
Andreas Ebnat
3 Jahre zuvor

Bin jedenfalls äußerst gespannt, ihn dann bald mal „in natura“ zu sehen und eigenen Eindruck zu gewinnen außen und innen.
Ich würde ihm sehr einen Erfolg am Markt wünschen.

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Gunter Zerb
Gunter Zerb
3 Jahre zuvor

Das Design polarisiert, keine Frage.
Hat aber Potential für Kultobjekt und damit auch Verlaufserfolg. In einem Jahr spätestens wissen wir diesbezüglich mehr.

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B.H.
B.H.
3 Jahre zuvor

Danke für den Artikel, eines würde mich noch interessieren, wie sieht es mit den Innenmaßen auf der Rücksitzbank aus? Ist es realistisch dort zu dritt Platz zu nehmen? Passen zwei Kindersitze und ein normaler Mensch nebeneinander? Im Netz habe ich hierzu noch keine Angaben gefunden. Es ist so nervig, dass nahezu alle Hersteller Autos nur für eine maximal vierköpfige Familie bauen – ich vermute es ist hier wieder ähnlich. Beim Kona (fahre ich aktuell) kann ich das ja als „Kleinwagen“ grade noch nachvollziehen – aber der Ioniq6 sollte hier deutlich mehr Platz bieten. Weiß da jemand mehr?
Viele Grüße

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Niko8888
Niko8888
3 Jahre zuvor

mhmja…schönes Auto…aber büschen teuer :-(
wäre schön, mal eine bezahlbare Alternative zum Tesla Model 3 SR zu haben, aber der Ioniq 6 ist leider noch teueren

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