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Nachwachsende Rohstoffe für die Elektromobilität?

Michael NeißendorferbyMichael Neißendorfer
26. Mai 2022
Lesedauer: 5 Minuten
Michael NeißendorferbyMichael Neißendorfer
26. Mai 2022
Lesedauer: 5 Minuten

© Abbildung(en): Me Energy

Home Elektroauto News 2022

Me Energy ist ein Anbieter und Betreiber von stromnetzunabhängigen und CO2-neutralen Schnellladestationen auf Basis von Bioethanol, mit denen das Unternehmen den wirtschaftlichen und flächendeckenden Durchbruch der Elektromobilität unterstützen will. In einer aktuellen Mitteilung erklärt Me Energy, auf welche Weise dies gelingen soll und wie Ethanol einen wichtigen Beitrag für einen nachhaltigen Mobilitätssektor leisten und dabei gleichzeitig die Abhängigkeit von Energieimporten reduzieren könnte.

Steigende Nahrungsmittelpreise und hohe Energiepreise bieten den idealen Nährboden für die stark vereinfachte Forderung, keine Kraftstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen zu erzeugen. Äußerungen wie von Marlehn Thieme, Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe, man solle die Produktion von Bio-Sprit so schnell wie möglich stoppen, verleihen diesen Ansichten zusätzlichen Nachdruck. Eine Forderung, die gut gemeint ist, aber zu sehr pauschalisiert. Das Problem mit nachhaltigen Energieträgern für die Mobilität sei nämlich weit vielschichtiger, wie Me Energy erklärt.

Das E10-Dilemma: Der Bio-Treibstoff und die Quote

Das Bild von Bio-Sprit wurde seit dem Jahr 2005, d. h. der Verpflichtung zur Beimengung von Biokraftstoffen, maßgeblich in eine Richtung geformt: Lebensmittel, die eigentlich für den Verzehr gedacht sind, würden für die Herstellung von Ethanol und Biodieselbestandteilen verwendet, die auch noch teurer sind als konventionelle Kraftstoffe. „Sollte man diese Pflanzen nicht lieber für die Lebensmittelherstellung als für das Betanken von Fahrzeugen nutzen?“ oder zugespitzt „Tank oder Teller?“, so der allgemeine Tenor, welcher auch durch große Mineralölkonzerne geprägt wurde. Dabei lohnt es sich, die tatsächlichen Fakten genauer zu betrachten.

Seit der Einführung des Biokraftstoffquotengesetzes im Jahr 2015 hat sich der Ethanolanteil im Kraftstoff weiter erhöht und liegt inzwischen bei 10 Prozent, kurz E10. Die Akzeptanz der Autofahrer gegenüber E10 hat sich in den vergangenen Jahren jedoch nicht deutlich gesteigert. Immer noch herrscht das Vorurteil, E10 würde der Fahrleistung und den Fahrzeugen schaden. Mineralölkonzerne haben zudem wenig Interesse daran, biologische Erzeugnisse bei Landwirten zuzukaufen, wenn sie eigens geförderte, fossile Produkte verkaufen können. Der Anteil von Ethanol am Gesamtkraftstoff ist mit knapp mehr als 3 Prozent verschwindend gering. So könne man bei E10 also marktseitig nicht unbedingt von einer Erfolgsgeschichte sprechen.

Während der letzten Jahre wurde die Debatte um die Beimischung von Biokraftstoffkomponenten noch hitziger. Für 7 Prozent Biodieselanteil (auch B7 genannt) importieren Mineralölkonzerne hunderttausende Tonnen Palmöl zur Beimischung aus Asien, um so den Vorgaben zur Einsparung von Treibhausgasen nachzukommen. Ein Modell, welches noch bis zum Jahr 2030 beibehalten wird. Erst danach schränkt ein EU-Beschluss dieses kontraproduktive Vorgehen ein.

Doch selbst mit den Palmölimporten scheint die im Jahr 2015 eingeführte Quote zur Treibhausgasminderung (THG-Quote) nicht erfüllt zu werden. Bislang sind synthetische oder Biokraftstoffe die einzige Möglichkeit, um mit Verbrennungsfahrzeugen weniger CO2 auszustoßen und die THG-Quote zu erfüllen. Der gesamte Anteil an Bio-Sprit inkl. Biodieselbestandteilen beträgt dennoch gerade mal 5,7 Prozent. Hier klafft noch eine große Lücke zur gesetzlich vorgegebenen THG-Minderungsquote. Diese lag bei 8 Prozent im Jahr 2021 und wird bis zum Jahr 2030 schrittweise auf 25 Prozent angehoben.

Was aktuell bleibt, ist das Akzeptieren von Strafzahlungen, der Einkauf von THG-Quoten bei Elektroautobesitzern oder die Kompensation über Klimacents. Viele Hoffnungen und damit eine Lösung zum Vermeiden von Strafzahlungen werden in Zukunft im Ausbau der Ladeinfrastruktur liegen, da die Minderung hier unter bestimmten Voraussetzungen dreifach angerechnet werden kann.

Rinder benötigen dreimal mehr Fläche als Energiepflanzen

Nicht erst seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine möchten die EU-Staaten unabhängiger von Energieimporten sowie fossilen Energieträgern werden und bis 2050 sogar vollständig CO2-neutral wirtschaften. In Deutschland wurde das Ziel der CO2-Neutralität bis 2045 bereits gesetzlich festgehalten. Damit das erreicht wird, müssen für die Energiewende ‚Made in Germany’ alle Quellen erneuerbarer Energien genutzt werden.

Knapp ein Viertel des Energiebedarfs kann in Deutschland bis 2050 aus nachwachsenden Rohstoffen kommen, wie die Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR ) vorrechnet. Bei Windstille und Dunkelheit können Solar- und Windenergie nur wenig zur Energieversorgung beitragen. Biomasse hingegen kann Energie langfristig speichern. Im Winter ist diese Energieform daher besonders wichtig. Ist somit jegliche Form der energetischen Nutzung von Pflanzen gleich einzuordnen?

In Deutschland werden etwa 50 Prozent der Fläche für die Landwirtschaft genutzt, davon aktuell etwa 14 Prozent für Energiepflanzen. Dies umfasst Bäume, Gräser, Getreide, Mais, Zuckerrüben, etc. Energiepflanzen sind besonders ertragreich, da sie nicht die hohen Qualitätsstandards für Nahrungsmittel erfüllen müssen. Dem gegenüber stehen 57 Prozent der Fläche, die für den Futtermittelanbau verwendet werden. Die Rinderzucht allein benötigt etwa 42 Prozent der deutschen Agrarfläche – das ist drei Mal so viel wie die aktuell für Energiepflanzen genutzte Fläche. Vor diesem Hintergrund könne man nun zwischen den folgenden Optionen wählen, so Me Energy: Einschränkung von Gewohnheiten und Konsum, Einschränkungen der Mobilität oder die effizientere Nutzung der Flächen.

Getrieben durch den hohen Bedarf für die Tierzucht, zeigen die Agentur für Nachhaltige Energien und der bdbe die besondere Möglichkeit der Verwendung von Ethanol für die effiziente Flächennutzung auf. Die Ethanolproduktion könne geschickt die energetische Nutzung der Fläche mit der Futter- und Nahrungsmittelproduktion verbinden. Aus den stärkehaltigen Ausgangsstoffen entstehen neben Ethanol auch hochwertige, proteinhaltige Futtermittel, Weizenkleie, Hefe und Kohlensäure für Lebensmittel oder Reststoffe, die für die Herstellung von Biogas verwendet werden können. Jahresübergreifend sei der Anbau von Energiepflanzen für Ethanol auch für die Fruchtfolge wichtig, denn die Pflanzen sichern langfristig den Nährstoffgehalt im Ackerboden. In Deutschland werden aktuell etwa 1,9 Prozent der Agrarfläche so besonders effizient genutzt. Dies ermöglicht eine maximal effiziente und damit nachhaltige Verwertung von nachwachsenden Rohstoffen

Effiziente Nutzung – von Fläche und Energie

Durch Ethanol wurden im Schnitt der letzten Jahre ca. 10 Millionen Tonnen CO2 p.a. eingespart. Dies sei einer der wertvollsten Beiträge zu den Klimazielen, so Stephan Arens vom Bundesverband Bioenergie. Die Produktion von Bioethanol ist heute auch nicht mehr nur auf die Verwendung von stärkehaltigen Pflanzen zurückzuführen, sondern hat sich in den letzten zehn Jahren stark gewandelt. Die Entwicklung geht hin zu Cellulose-Ethanol – Ethanol, welches aus pflanzlichen Abfällen hergestellt wird und somit keine eigene Anbaufläche benötigt.

Bereits im Jahr 2012 startete der Chemiekonzern Clariant eine derartige Anlage in Straubing in der Millionen Liter Ethanol produziert werden können. Um die Klimaziele zu erfüllen, sei die Produktion von Bioethanol demnach sinnvoll und nicht mehr wegzudenken. Das einzig verbleibende Problem liege lediglich in der ineffizienten Nutzung der Energie, denn die Verschwendung finde im letzten Prozessschritt statt: der Beimischung zu Kraftstoff für PKW.

100 Prozent Bioethanol für Elektroautos nutzen

Dabei gebe es deutlich effizientere Wege für die Nutzung im Mobilitätssektor, so Me Energy in seiner Mitteilung weiter: den Einsatz von Bioethanol zum klimafreundlichen Aufladen von Elektrofahrzeugen. Alexander Sohl, Geschäftsführer von Me Energy, dazu: „E-Autos und E-Transporter sind die Zukunft, doch der Betrieb immer nur so nachhaltig wie der Strom selbst. Wir nutzen Bioethanol aus nachhaltiger Produktion, um diesen in unseren mobilen Schnellladestationen in Strom umzuwandeln.“ Was laut eigener Aussage deutlich effizienter sein soll als in einem PKW. „Verglichen mit einem PKW ist die Effizienz von Tank-to-Weel etwa 2-3-mal so hoch“, sagt Sohl.

Die auf Bioethanol basierende Lösung kann komplett unabhängig vom Stromnetz betrieben werden. Der Tank einer Station umfasst eine Kapazität, mit der man elektrisch eine halbe Erdumrundung zurücklegen können soll, und das mit reinem Grünstrom. Diese Lösung könnte mögliche Vorbehalte gegen den Bio-Kraftstoff beseitigen. Die Ethanolproduktion gehe Hand in Hand mit der Futtermittelproduktion, der Treibstoff werde maximal effizient genutzt und die Fahrzeuge selbst stoßen dank ihres Elektroantriebs kein CO2 aus.

Fazit zu Energieträgern aus nachwachsenden Rohstoffen

Mit der richtigen Vorgehensweise könnte Deutschland ein Vorreiter im Kampf gegen den Klimawandel werden, so das Unternehmen in seiner Mitteilung. Dazu kann der Einsatz von Biomasse beitragen – idealerweise Bioethanol aus Cellulose oder aus Reststoffen des Futtermittelanbaus –, als Ergänzung zu Windkraft, Sonnenenergie und Co. Effizient genutztes Ethanol könne einen wichtigen Beitrag für einen nachhaltigen Mobilitätssektor leisten und dabei gleichzeitig die Abhängigkeit von Energieimporten reduzieren, schließt Me Energy.

Derzeit beschäftigt das Unternehmen 25 Mitarbeiter und hat im Bereich der Energieumsetzung in Ladestationen neun Patente zur Anmeldung gebracht. Mit der Geschäftsidee erhielten die Gründer 2018 den StartGreen Award. Me Energy wurde 2019 mit dem Sonderpreis für Nachhaltigkeit und dem besten Konzept des Businessplan-Wettbewerbs Berlin-Brandenburg (BPW) ausgezeichnet und gewann außerdem den Innovationspreis Berlin Brandenburg 2020 sowie als Landessieger Brandenburg den KfW Award Gründen. Der Markteintritt mit Pilot-Schnellladestationen erfolgte im Juli 2020, die Aufnahme der Serienproduktion erfolgte im September 2021.

Quelle: Me Energy – Pressemitteilung vom 24.05.2022

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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8 Comments
David
David
4 Jahre zuvor

Soso, ein Verbrennungsmotor, der Strom erzeugt. Genauso sollte es nicht sein.

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Daniel W.
Daniel W.
4 Jahre zuvor

Bislang sind synthetische oder Biokraftstoffe die einzige Möglichkeit, um mit Verbrennungsfahrzeugen weniger CO2 auszustoßen und die THG-Quote zu erfüllen.

Im Prinzip stoßen Biokraftstoffe genau so viel CO2 aus wie normale Kraftstoffe. Die zusätzliche Produktion von Palmöl schaden Umwelt und Klima ganz ernorm – eine THG-Klima-Milchmädchenrechnung.

Die Mengen an Biokraftstoffen, die günstig mit Abfall- und Reststoffen erzeugt werden kann, dürfte nie und nimmer ausreichen, um alle Autos, Schiffe und Flugzeuge damit zu versorgen. Die einfachste und günstigste Möglichkeit ist es diese Bio-Gase direkt über die Gasleitung für Gebäudeheizungen zu verwenden.

Die Elektromobilität sollte ohne viele verlustreiche Umwege ganz einfach mit BEV umgesetzt werden, soweit dies möglich ist, sowie per PV- und Windkraftanlagen in Verbindung mit smarter Stromverteilung geschehen, damit es auf Dauer günstig bleibt und keine Reststoffe oder Biokraftstoffe von nichtdemokratischen Staaten importiert werden müssen und wir dann wieder in Abhängigkeiten geraten.

Kurz die wichtigen Punkte: Energiewende von unten mit PV- und Windkraftanlagen sowie Wärmepumpen für Wärme im Winter und Kühle im Sommer, kleinere E-Fahrzeuge (BEV) oder überdachte Pedelecs für dauerhaft weniger Resourcen- und Energieverbrauch, mehr Güter und Personen auf die Schiene für weniger Feinstaub und weniger Kosten für Straßen- und Brückenbau.

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Jakob Sperling
Jakob Sperling
4 Jahre zuvor

Das ist die Pressemitteilung einer Lobby-Organisation.

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Hiker
Hiker
4 Jahre zuvor

Ganz so schlecht finde ich die Idee nun auch wieder nicht. Solange nicht für die Lebensmittel notwendigen Flächen zur Produktion herangezogen werden.

Wir müssen akzeptieren, dass wir in eine Stromknappheit geraten könnten. Da ist ein solcher Ansatz immer noch hundert mal besser als der Bau neuer AKWs, Gaskraftwerke oder der Weiterbetrieb von Kohlekraftwerken.

Man kann nicht einfach aus Prinzip stur gegen alles sein das nicht Solar, Wind oder Gezeiten nutzt. Ideen sind gefragt Lösungen müssen gefunden werden. Da hilft eine fast schon sektiererische Einstellung auch nicht weiter.

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