Automobil-Analyst Matthias Schmidt zeigt mit Blick auf Ende des dritten Quartals 2022 auf, dass die chinesischen Automobilhersteller verstärkt nach Europa drängen. Alleine im September sei es den Hersteller möglich gewesen über 10.000 rein elektrische Fahrzeuge abzusetzen. Für rund 95 Prozent der abgesetzten E-Fahrzeuge zeichnet sich Polestar (Geely) und MG Motor (SAIC) verantwortlich.
Der kombinierte rollierende 12-Monats-Marktanteil der chinesischen Automobilhersteller stieg Ende September auf 4,9 Prozent. Was 67.950 Einheiten entspricht, womit die chinesischen Marken das Ziel erreichen, in 2022 bis zu 90.000 Elektroautos in Europa abzusetzen. Dies entspricht dem Volumen an E-Autos, welches Tesla im Jahr 2020 in Europa absetzen konnte. Rechnet man die Modelle der europäischen Marken (Dacia Spring, BMW iX3 und Tesla Model 3 sowie einige Model Y und eine Handvoll Mobilize-Modelle von Renault) hinzu, überschreiten die E-Autos aus chinesischer Produktion bereits mehr als 200.000 Einheiten in neun Monaten.
Matthias Schmidt geht davon aus, dass der Absatz von Chinas E-Autos im letzten Quartal noch stärker anzieht. Denn dann kommen Marken wie Ora von Great Wall Motors nach Europa. BYD soll zudem eine Expansion über den norwegischen Markt hinaus planen. Auch werde weitere NIO-Modelle im letzten Quartal in Europa erwartet. Des Weiteren steht der Marktstart des smart #1 bevor, welcher ebenfalls Anfangs 2023 nach Europa kommt.
MG Motor (SAIC) bringt mittlerweile vier Elektro-Modelle auf Europas Straße. Unter anderem der MG4 Electric, welcher erst im vergangenen Monat bei entsprechenden Testfahrten vorgestellt wurde, dabei auf voller Linie überzeugt. Für das vierte Quartal wird weiteres entsprechendes Absatzwachstum des MG4 Electric in Europa erwartet. Ebenfalls auf der chinesischen Erfolgswelle surft Polestar. Diese bieten aktuell nur den Polestar 2 als reines E-Auto an. Als Konkurrent des Tesla Model 3 und BMW i4 blickt dieser mittlerweile auf 100.000 produzierte Einheiten.
Für weiteres Wachstum wird der Polestar 3 sorgen. Dieser wird sowohl in China als auch den USA hergestellt. Mit den ersten Auslieferungen wird im 4. Quartal 2023 gerechnet. Darüber hinaus wurde bestätigt, dass eine zweite Produktionsschicht des Polestar 2 in China beginnen wird. Derzeit ist die Marke in 27 Märkten weltweit präsent und zuversichtlich, dass es das Ziel von 50.000 Verkäufen in diesem Jahr erreicht.
Nach der offiziellen Vorstellung aller drei für Europa bestimmten BYD-Modelle auf dem Pariser Autosalon wird noch in 2022 mit dem Verkauf der ersten E-Fahrzeuge gerechnet. 2.500 Modelle sollen in Norwegen ausgeliefert werden. Weitere europäische Länder sollen bald folgen. Und allein für Deutschland hat BYD aggressive Pläne: Konkret will BYD bis 2026 einen Absatz von 120.000 Einheiten pro Jahr und einen E-Auto-Marktanteil von 10 Prozent erreichen. Damit würde BYD in Bereiche von Tesla (14 Prozent) oder VW (12 Prozent) vorstoßen. Deutsche Hersteller wie Mercedes (5 Prozent) oder BMW (6 Prozent) würden die Chinesen deutlich abhängen.
Den deutschen Kunden bietet BYD zum Start drei Modelle an: die Premiumlimousine Han EV, das große SUV Tang EV und das kompakte SUV Atto3. Später soll eine Seal genannte Mittelklasselimousine ins Portfolio wandern und auch der Kleinwagen Dolphin könnte bald hierzulande zu haben sein. NIO muss im Vergleich zu anderen Hersteller aus China noch nachlegen, um Fuß zu fassen. Aktuell bringt man es auf etwas weniger als 1.000 Neuzulassungen.
Quelle: Matthias Schmidt – European Electric Car Study September/Q3 2022 edition
„Unter anderem der MG4 Electric, welcher erst im vergangenen Monat bei entsprechenden Testfahrten vorgestellt wurde, dabei auf voller Linie überzeugt.“
Definitiv ein interessantes Auto, aber etwa Spurhalteassistent und ACC sind aktuell noch gruselig. Bei meinen Probefahrten mit dem MG4 hat der Verkäufer den Spurhalteassistenten vorher sogar explizit abgeschaltet und dazu gesagt, den könne man schließlich „niemandem zumuten“. Aber wie dem auch sei, das Fahrzeug ist grundsätzlich eine Bereicherung am deutschen BEV-Markt und ich wünsche mir noch viele „Brüder“ als Modelle von SAIC/MG und anderen dortigen Herstellern.
„dabei auf voller Linie überzeugt“
Das sehen aber nicht alle Youtube-Tester so, insbesondere im englischsprachigen Bereich gibt es schon die ein oder andere (deutliche) Kritik. Die Haptik des MG 4 scheint besser zu sein, als bei der ID-Serie, dafür ist der MEB offenbar technisch in vielen Belangen (Fahrwerk, Ladeleistung, sogar IT) besser.
Ob Polestar jetzt wirklich als chinesische Marke gesehen werden muss, ist die Frage. Gut, Volvo ist chinesisch. Das hat aber auch niemand als chinesische Invasion auf dem europäischen Automarkt betrachtet. Ich denke, viele Kunden sehen den Polestar nicht als chinesisches Auto, das ist vermutlich seinen Vorteil. Gleiches gilt für den Smart.
Darüber hinaus gibt es enge Grenzen. Die oberen Klassen sind für die chinesische Produkte einfach nicht geeignet. Da wird man scheitern. Merkt Nio gerade. Mit kleinen Autos ist dagegen weniger Geld zu machen. Denn du hast weniger Marge und du musst für gleichen Umsatz mehr Autos verkaufen, die dann auch mehr Kundendienst und Garantiemittel erfordern. Zoll, Transport, und Aufbau einer deutschen Orga inkl. Ersatzteilservice kosten so viel Geld, dass man nicht unbedingt besonders niedrige Preise anbieten kann.
Es gibt vor allem nicht diesen technischen Vorsprung, den einige Auguren immer sehen wollten. Was bisher auf der Straße ist oder sie demnächst betritt, ist ganz übliche Ware.