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Wie E-Autos den europäischen Ersatzteilmarkt umkrempeln werden

Michael NeißendorferbyMichael Neißendorfer
13. September 2022
Lesedauer: 3 Minuten
Michael NeißendorferbyMichael Neißendorfer
13. September 2022
Lesedauer: 3 Minuten

© Abbildung(en): Symbolbild | shutterstock / 2196366237

Home Automobilindustrie

Die fortschreitende Elektrifizierung im Automobilbereich sorgt für massive Veränderungen des europäischen Aftermarket. Die Gründe: Batteriebetriebene Fahrzeuge (BEVs) benötigen rund 30 Prozent weniger Ersatzteile und werden laut E-Auto-Verkaufsszenarien bis 2030 einen Marktanteil von 53 bis 82 Prozent erreichen. Zu diesen Ergebnissen kommt eine gemeinsame Studie von Roland Berger und CLEPA, dem Europäischen Verband der Automobilzulieferer. Darin entwickeln die Autoren drei Zukunftsszenarien und geben Empfehlungen, wie die Branche den Wandel gestalten kann.

„Für die Unternehmen im Kfz-Ersatzteilmarkt ist die Planung für den Übergang zur Elektrifizierung sehr komplex, weil auch nach 2035 viele Autos auf unseren Straßen noch einen Verbrennungsmotor haben werden“, sagt Felix Mogge, Partner bei Roland Berger. „Trotz des derzeit niedrigen E-Auto-Anteils am Fahrzeugbestand müssen sich die Akteure schon jetzt neu positionieren, um ihren zukünftigen Erfolg zu sichern.“

Die Automobilindustrie erlebt seit einigen Jahren einen rasanten Wandel. Eine Kombination aus Technologietrends, verändertem Kundenverhalten, diversen Engpässen in der Lieferkette und die vorgeschlagene Verordnung der Europäischen Union (EU), die erst kürzlich vom EU-Rat beschlossen wurde, haben die Unternehmen unter Druck gesetzt. Im Zuge der Elektrifizierung wird mit massiven Kräfteverschiebungen am Ersatzteilmarkt gerechnet.

Der Übergang zum Elektroauto ist im Gange: Ausblick auf 2030 und 2035

In drei Szenarien haben die Autoren die Auswirkungen verschiedener Elektrifizierungsgeschwindigkeiten auf den Kfz-Ersatzteilmarkt durchgerechnet. Das ambitionierteste Szenario („Radikale Elektrifizierung“) prognostiziert einen raschen Durchbruch der E-Mobilität. Dadurch würde der Anteil batteriebetriebener Fahrzeuge an den Gesamtverkäufen neuer Fahrzeuge unter 3,5 Tonnen auf 82 Prozent im Jahr 2030 steigen und ab 2035 100 Prozent erreichen.

Das mittlere Szenario („Ehrgeizige Transformation“) orientiert sich an den derzeit gültigen politischen und unternehmerischen Zielen. Darin stabilisieren sich die Preise für Batterierohstoffe und es wird eine angemessene Ladeinfrastruktur aufgebaut. Der Anteil der E-Autos an den Gesamtverkäufen wächst dadurch bis 2030 auf 68 Prozent und erreicht von 2035 an 100 Prozent.
In dem am wenigsten progressiven Szenario („Erfüllung der Gesetzesanforderungen“) wird der Fortschritt in Richtung vollständiger Elektrifizierung durch verschiedene Widerstände abgemildert, dies beinhaltet unter anderem steigende Kosten für Batterierohstoffe. In der Folge steigt der E-Auto-Anteil am Gesamtabsatz auf 53 Prozent im Jahr 2030 und auf 96 Prozent im Jahr 2035. 2040 wird er bei 99 Prozent liegen.

Nachfrageeinbrüche bei traditionellen Antrieben und Motoren

Die zunehmende Marktdurchdringung von batteriebetriebenen Fahrzeugen wird sowohl die Bedeutung der verschiedenen Produktgruppen im Ersatzteilmarkt als auch die wirtschaftliche Rolle der Akteure verändern. Die Autoren analysierten 250 Komponenten entlang von 53 Fahrzeugsystemen. Sie gehen davon aus, dass batterieelektrische Fahrzeuge im Vergleich zu herkömmlichen Verbrennern ein um etwa 30 Prozent geringeres Umsatzpotenzial bei traditionellen Ersatzteilen haben. Die Gründe: batterieelektrische Fahrzeuge bestehen aus weniger Komponenten und verursachen einen geringeren Verschleiß – unter anderem an Motor, Antriebsstrang und Bremskomponenten.

Für jede dieser Komponenten schätzt die Studie die Auswirkung auf die „Brutto“-Nachfrage auf dem Ersatzteilmarkt – sowohl in negativer als auch in positiver Hinsicht (ohne zusätzliche Nachfrage nach neuen Komponenten und Services, wie z.B. Werkstattarbeiten oder Software-Updates). Um die Auswirkung der Elektrifizierung klar zu zeigen, schließt die Studie insbesondere andere Makrofaktoren aus, wie beispielsweise die insgesamt erwartete Vergrößerung der Fahrzeugflotte, Inflation oder technologische Trends wie Advanced Driver Assistance Systems.

Im ehrgeizigsten Szenario wird ein Nachfragerückgang von 12 Prozent bis 2035 und 17 Prozent bis 2040 prognostiziert. Bei den Produktkategorien sind der Verbrennungsmotor sowie der Antriebsstrang mit einem Nachfragerückgang von 49 bzw. 51 Prozent am stärksten betroffen. Im Szenario „Einhaltung von Vorschriften“ wird der Effekt voraussichtlich bis 2040 auf -13 Prozent reduziert.

Neue Chancen für die verschiedenen Akteure im Ersatzteilmarkt

Die Elektrifizierung eröffnet den verschiedenen Anbietern der Branche aber auch neue Möglichkeiten entlang der Wertschöpfungskette. So können Teilehersteller ihr Portfolio auf Elektroauto-spezifische Komponenten umstellen und auch ihr Geschäftsmodell erweitern, indem sie Komponenten wiederaufbereiten oder aufarbeiten. Eine weitere Chance besteht darin, Diagnose- und Lösungen für das Flashen anzubieten, um Werkstätten insbesondere beim anspruchsvollen Software- und Datenmanagement von batterieelektrischen Fahrzeugen mit neuer Elektronik und Konnektivitätsplattformen zu unterstützen. Partnerschaften mit Batteriespezialisten können sowohl dem herkömmlichen Ersatzteilzulieferer als auch dem Batteriespezialisten selbst helfen.

„Ein wichtiger Schwerpunkt der Anbieter wird künftig in der Entwicklung von Kapazitäten zur Aufarbeitung und Reparatur von Batteriesystemen, Elektromotoren, E‑Achsen und Leistungselektronik liegen“, prognostiziert Frank Schlehuber, Senior Consultant Market Affairs, CLEPA. „Bei den Aftermarket-Dienstleistungen erwarten wir eine Verlagerung von der Hardware zur Software. Außerdem wird die präventive Wartung Marktanteile gewinnen, denn die Batterie ist sicherheitsrelevant.“

Großhändler können künftig beim Management von Altkomponenten unterstützen, Recycling-Rohstoffe vertreiben oder ihre Logistiknetze neuen Kundengruppen anbieten. Für Werkstätten gibt es die Option, sich als Batteriefahrzeug-Spezialisten zu positionieren und Generalisten-Werkstätten in der Umgebung ihre Dienste anzubieten. Um ihr Servicenetzwerk zu stärken, können sie darüber hinaus Autoherstellern, die nach Werkstattpartnern suchen, ihre Dienstleistungen zur Verfügung stellen.

Quelle: Roland Berger – Pressemitteilung vom 08.09.2022

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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1 Kommentar
Wolfbrecht Gösebert
Wolfbrecht Gösebert
3 Jahre zuvor

Aus dem Artikel:

„Das ambitionierteste Szenario („Radikale Elektrifizierung“) prognostiziert einen raschen Durchbruch der E-Mobilität. Dadurch würde der Anteil batteriebetriebener Fahrzeuge an den Gesamtverkäufen neuer Fahrzeuge unter 3,5 Tonnen auf 82 Prozent im Jahr 2030 steigen und ab 2035 100 Prozent erreichen.“

[Hervorhebung von mir]

Nach eigenen Erfahrungen mit Roland Berger in frühen Jahren würde ich als erstes fragen, wer die Studie in Auftrag gegeben hat … und erst dann ausführlich bewerten!
BTW:
Der hier mit 30% als geringer angegebene Ersatzteilbedarf von eAutos wird ja nochmal um etwa den selben Wert bei den notwendigen Serviceleistungen sinken und zusätzlich wird noch der Anteil der über Händler verkauften Fahrzeuge sinken, so dass sich – mir jedenfalls – der insgesamt dargestellte Optimismus über die Ertragsgenerierung durch neue Geschäftsfelder weit übertrieben erscheint!

Zuletzt bearbeitet am 3 Jahre zuvor von Wolfbrecht Gösebert
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